Pflegefachfrau, Zürich
Ich bin in einfachen Verhältnissen in einer kleinen Genossenschaftssiedlung in der Agglo aufgewachsen. Mein Bruder und ich lebten mit unseren Eltern in einer kleinen Wohnung. In meinem Quartier fühlte ich mich zu Hause und war viel mit anderen Kindern draussen unterwegs. Daheim war die Stimmung hingegen oft angespannt: Mein Bruder hatte ADHS, unser Vater war Alkoholiker. Viele Erwachsene um mich herum tranken damals regelmässig. Die Atmosphäre zu Hause war oft unberechenbar und explosiv. Ich zog mich in mein Zimmer zurück und versuchte, möglichst nicht aufzufallen.
Mit 12 kam ich ins Langzeitgymi in der Stadt. Das war für mich eine völlig fremde Welt. Obwohl ich viele Freunde hatte, fühlte ich mich dort fehl am Platz. Die Familien meiner Schulkolleginnen und -kollegen machten Ferien – manche hatten sogar eigene Ferienhäuser. In diesen Familien wurde beim Essen diskutiert, politisiert und auch Persönliches besprochen. Die Eltern interessierten sich für die schulischen Belange ihrer Kinder – ganz anders als meine. Das zu realisieren, fühlte sich für mich wie ein Bruch in meinem Leben an. Ich verlor damals viel von meinem Selbstwertgefühl. Damit kämpfe ich bis heute. Studiert habe ich nach dem Gymi nicht – ich dachte, dass mir dafür das Geld und auch die nötige Intelligenz fehlen würden.
An der Kanti waren Drogen kein Thema. Mein jüngerer Bruder begann in der Pubertät zu kiffen, was zu Hause immer wieder zu Streit führte. Mit 18 fing er an, sich Heroin zu spritzen. Später bekam er eine Krebsdiagnose. Ich begleitete ihn manchmal zu Arztterminen und musste ihn schon mal am Platzspitz suchen gehen. Das werde ich nie vergessen, die Szene bedrückte mich zutiefst. Für mich war klar: So möchte ich nie werden. Mit Drogen will ich nichts zu tun haben.
Nach ein paar Jahren machte mein Bruder einen Entzug in einer Psychiatrie. Es war die gleiche Psychiatrie, in der auch schon mein Vater seinen Entzug gemacht hatte. Mein Bruder fand es dort so schlimm, dass er den Entzug schliesslich selber zu Hause machte. Er schaffte es.
Nach meiner Lehre zur Pflegefachfrau habe ich auf Reisen gelegentlich einen Joint geraucht –mehr war da nicht. Ich rauchte zwar Zigaretten und trank ab und zu Alkohol, aber betrunkene Menschen kann ich bis heute schlecht ertragen.
Mit 32 bekam ich zusammen mit meinem Freund unser erstes Kind. Fünf Jahre später das zweite. Wir führten unser Familienleben und kauften irgendwann ein Haus. Als unsere Kinder ins Teenageralter kamen, zerbrach die Beziehung. Ab jetzt hatten wir getrennte Wohnungen im selben Haus. Für unsere Kinder war das ideal.
Als die Kids älter wurden, ging ich ab und zu an Ü40-Partys. Ich hatte immer schon gerne getanzt. Richtig wohl fühlte ich mich dort aber nie: Weder die Leute noch die Musik trafen meinen Geschmack und ich fragte mich oft: Was mache ich hier eigentlich? Dann war da noch die elektronische Musik. Aber als ich ein-, zweimal in einem Club war, hielt ich das kaum aus. Bei dieser Musik muss man ja Ecstasy nehmen!
Eine Freundin von mir arbeitete an der Kasse bei einer kleinen Partyreihe in Zürich und nahm mich irgendwann dorthin mit. Die Leute waren sympathisch, aber ich merkte schnell: Kaum jemand hier war nüchtern – alle lächelten mich auffallend freundlich an.
Einige Zeit später ging ich mit an einen Rave in einem Hotel in den Bergen. Da merkte ich: Das sind meine Leute – es war echt cool! Es folgten weitere Partys mit denselben Leuten, und plötzlich tanzte ich bis in den Morgen.
Mit 52 Jahren hatte ich meinen Ausgang entdeckt.
Schliesslich traf ich bei einer Party zwei Bekannte aus meinem Quartier und wir beschlossen, zusammen tanzen zu gehen. Mit ihnen konsumierte ich zum ersten Mal MDMA. Wir wogen es genau ab und jede nahm exakt 100 mg. Nach anderthalb Stunden merkte ich noch gar nichts. Meine Begleiterinnen waren erstaunt und gaben mir einen kleinen Nachschub. Da spürte ich es! Ich war total in der Musik und konnte einfach tanzen. Ich sagte zu mir: Das ist genau mein Ding, das nehme ich garantiert nicht zum letzten Mal!
Ab da ging ich alle zwei Wochen an eine Party. Zufällig traf ich meinen Bruder auf einer Goa-Party. Das war lustig, er konnte es kaum fassen! Dann stoppte Corona meinen Ausgang abrupt. Während der Pandemie organisierten wir Privatpartys in ganz kleinem Rahmen. Bei solchen Partys fühle ich mich bis heute am wohlsten. An einem Samstagabend würde ich nie ins Hive gehen und MDMA konsumieren. Da fühle ich mich viel zu alt.
Am liebsten würde ich weniger als viermal im Jahr MDMA nehmen, damit der Serotoninspeicher immer schön gefüllt bleibt. Tatsächlich konsumiere ich aber etwa sechs- bis achtmal pro Jahr. Deshalb habe ich als Ersatz mit 2C-B und Ketamin angefangen, wobei ich davon nur wenig nehme. Alkohol trinke ich an Partys kaum, höchstens einen Drink am Anfang und allenfalls mal einen Shot im Laufe der Nacht. Ansonsten trinke ich die ganze Nacht nur Wasser.
LSD habe ich auch schon probiert, aber im Clubsetting wird mir selbst Microdosing schnell zu viel. Ich staune, dass das so verbreitet ist. Ich würde LSD lieber in therapeutischem Setting nutzen – es verhilft einem ja im wahrsten Sinne zur Bewusstseinserweiterung.
Mein alter Freundeskreis findet meine Entwicklung ziemlich schräg. Ich habe ihnen natürlich von meinen Erlebnissen erzählt. Während Covid haben wir uns sowieso weniger gesehen und bei einigen ist das halt so geblieben. Mein Umfeld hat sich stark verändert, seit ich den Ausgang entdeckt habe. An Partys treffe ich lauter Menschen, die auch Mütter und Väter sind und ein ganz normales Leben führen.
Natürlich haben meine Kinder auch registriert, dass ich manchmal die ganze Nacht tanzen gehe. Mein älterer Sohn geht seit etwa zwei Jahren ab und zu an ähnliche Partys. Bei ihm habe ich das Thema Substanzen dann auch aktiv angesprochen.
Vor gut zwei Jahren war ich an einem privaten Dayrave in einem Club. Normalerweise gehe ich vor Mitternacht nach Hause, bevor der Club offiziell öffnet. Diesmal blieben wir, weil die Musik so gut war. Plötzlich sah ich ein bekanntes Gesicht: Es war mein Sohn! Ich freute mich riesig! Ich stellte ihn meinen Freunden vor – und er mich seinen. Die dachten, das sei ein Witz. Das war lustig! Wir lachten beide sehr.
Ich hatte nichts Intus, vielleicht einen kleinen Hub LSD. Ich habe meinen Sohn dann später gefragt, ob ihm die Situation unangenehm gewesen sei, aber er hat dies glaubhaft verneint. An meinem 60. Geburtstag fände ich es schön, wenn er auch dabei wäre. In meiner Bubble kenne ich einige, die Kinder haben, die bereits auflegen. Die Generationen vermischen sich – das finde ich schön.
Natürlich habe ich auch Phasen, in denen ich denke: Ich muss aufpassen, dass ich nicht nur von Party zu Party lebe. Mein Alltag ist oft mühsam, und die Partys halten mich über Wasser. In letzter Zeit frage ich mich immer öfter, wo ich eigentlich hin möchte. Ich habe das Bedürfnis, etwas zu verändern. Vielleicht liegt das an meiner derzeitigen Lebensphase – vielleicht auch am Konsum.
Ich gehe nun seit fünf Jahren an Raves und bin psychisch schon etwas instabiler geworden. Die Spitzen der Hochs sind sehr hoch, und die Tiefs sehr tief. Ich merke, wie das mit dem Alter nicht einfacher wird. Die Freinächte spüre ich, und auch in den Tagen danach leide ich. Festivals mit zwei bis drei Nächten vertrage ich gar nicht mehr. Daher mag ich die Daydances lieber.
Ich bin froh, habe ich den Konsum erst spät entdeckt. Ich weiss nicht, ob ich mich mit 20 so gut im Griff gehabt hätte. Manchmal finde ich es ein bisschen schade, dass ich immer die Älteste bin. Aber dann denke ich: Wer sonst in meinem Alter erlebt schon sowas? Draussen oder auch mal in einem Club mit Gleichgesinnten 10 bis 15 Stunden am Stück zu wunderschöner Musik tanzen?
Mir ist bewusst, dass ich das wohl keine 20 Jahre mehr machen werde. Irgendwann wird es vorbei sein. Umso mehr geniesse ich die Zeit jetzt. Ich bin extrem dankbar, dass ich all das kennenlernen durfte – und dadurch einen riesigen, neuen Freundeskreis gefunden habe.
Eine Veranstaltungsreihe von substanzielles.ch, der Photobastei und der Gesellschaft zur Erweiterung des Bewusstseins. Jeden letzten Mittwoch im Monat in Zürich.