Noah
, 38

Dealer, Lausanne

Ich deale, seit ich 15 bin – also mehr als mein halbes Leben lang. So verdiene ich mir meinen Lebensunterhalt. Erwischt wurde ich noch nie. Ich bin gut in dem, was ich mache.

Aufgewachsen bin ich in einkommensschwachen Verhältnissen in einem kleinen Genfer Vorort. Mein Vater kommt aus dem Maghreb, meine Mutter ist gläubige Christin. Drogen standen im völligen Gegensatz zu dem, was uns zuhause vermittelt wurde. Mein Bruder und ich begannen früh zu kiffen. Es war unsere Abnabelung von zuhause, unser Rebellentum. Für meine Eltern war es schlimm, uns dabei zusehen zu müssen. Aber sie konnten nichts dagegen tun. Heute ist unser Verhältnis ganz okay. Ihnen war schon immer klar, was wir machen. Aber wir wischen das Thema bis heute unter den Tisch, so kommen wir miteinander klar.

Mein Dorf habe ich immer gehasst. Ich wollte schon immer weg. Meine Mutter pochte auf gute Bildung. Ich ging aufs Gymnasium, später an die EPFL. Ich habe einen Abschluss, habe alles durchgezogen. Aber das Dealen blieb. Es war mein Weg nach draussen.

Es hat ziemlich typisch angefangen: Das Kiffen war teuer und ich hatte als Jugendlicher kein Geld. Irgendwann stiess ich auf einen Dealer in Genf, bei dem ich Gras für die Sommerferien kaufte. Er war älter als ich, so um die 45, und hatte richtig gutes Zeug. Er sagte er zu mir: «Du bist zu jung! Du darfst zwar weiterhin kommen, aber deine Freunde darfst du nicht mitbringen.» Er wusste genau, was er tat: Indem er mir verbot, meine Freunde mitzubringen, hat er mich zum Dealer gemacht. Ich glaube, der hat damals erkannt, dass ich das Zeug dazu habe.

Ab jetzt brachte ich also regelmässig dieses gute Gras nach Hause und versorgte bald das ganze Dorf damit. Am Donnerstag fuhr ich jeweils nach Genf, am Freitag verkaufte ich es in der Schule. Ich machte locker 5000 Franken Umsatz an einem Tag; mehrere hundert Franken Gewinn. Stell dir vor, mit 15, das ist schon nicht schlecht. Es ging mir schon damals um Qualität. Ich wollte das beste Gras für mich und meine Freunde. Es ist, als würdest du crafted beer trinken, und plötzlich stellt dir jemand ein Feldschlösschen hin. Das willst du einfach nicht. Meines war das beste crafted beer weit und breit. Also kauften alle bald nur noch bei mir ein. Mein Bruder machte bald mit, das wurde unser Ding.

Irgendwann verschwand mein Kontakt. Ich hatte mich längst an den cash flow und an den Lebensstil gewöhnt, der damit einher ging. Darum kam Aufhören nicht in Frage – ich brauchte eine neue Quelle.

Wenn du als Dealer beim Einkauf umdisponieren musst, ist das immer eine Gefahr. Du bekommst es in diesem Moment schnell mit organisiertem Verbrechen zu tun. Und diese Leute nutzen jede Chance, um dir dein Geld abzunehmen. Es läuft immer gleich: Du hast einen neuen Kontakt und der sagt dir, dass du ein Kilogramm bei ihm kaufen kannst. Bei der Übergabe tauchst du mit dem Geld auf und sie stehen mit Baseball-Schlägern dort. Das sind halt so Anfängerfehler, das ist mir zwei- oder dreimal passiert: Ich verdiente ziemlich viel Geld, verlor es aber auch immer wieder.

Ich selber konsumierte ziemlich lange nur Gras. Mit 18 probierte ich dann einmal MDMA und fand es richtig gut. Ich wollte unbedingt mehr davon und merkte schnell: Da musst du aufpassen! Ich spürte schon früh, dass ich ein grosses Suchtpotenzial in mir trage. Also habe ich 10 Jahre lang einen grossen Bogen um MDMA gemacht und auch von Sachen wie Koks immer die Finger gelassen. Koks habe ich bis heute nie konsumiert – keine einzige Linie.

Während des Studiums probierte ich alle möglichen Substanzen aus. Ein Aha-Erlebnis blieb lange aus. Erst als ich zu Hause in Ruhe einmal 2-CB probierte, hatte ich meine erste «innere Erfahrung». Diesen Begriff finde ich sehr treffend. Der Trip selbst war sehr unangenehm. Ich spürte, dass ich in vielerlei Hinsicht auf dem Holzweg war und dass ich in meinem Leben etwas ändern musste. Das war sehr schmerzhaft, aber auch befreiend.

Nach dem Trip kappte ich all meine Beziehungen, brach den toxischen Kontakt zu meinen Eltern ab, baute mir einen neuen Freundeskreis auf und beschloss, nie eine berufliche Karriere zu machen. Das hatte mich zwar nie interessiert, aber trotzdem war ich lange davon ausgegangen, einmal eine Art bürgerliches Leben zu führen. Das Studium schloss ich noch mit guten Noten ab, aber mir wurde klar, dass sich mein Leben um anderes drehen sollte als um Leistung und Status.

So wurde mir klar, dass ich weiter dealen würde. Es ging weniger ums Abenteuer; wenn du so früh anfängst wie ich, verliert sich das irgendwann. Es ging eher um Neugier. Ich wollte mit diesen Menschen zu tun haben, die sich für andere Bewusstseinszustände interessieren. Der Übergang von Gras zu anderen Substanzen passierte fliessend, aber sehr bewusst. Ich habe das gesucht und aufgebaut. Ich fragte herum, hatte Glück, war im richtigen Moment am richtigen Ort. Ich lernte jemanden kennen, der verschiedene Substanzen importierte und etablierte mit der Zeit stabile Handelsbeziehungen.

Heute verkaufe ich Hasch, MDMA und Ecstasy, LSD, Ketamin, Pilze und ein breites Sortiment ungewöhnlicher Psychedelika. Bis heute habe ich nie mit Koks oder Metamphetaminen gedealt. Das mache ich nicht. Erstens sind das üble Substanzen und zweitens ist das Risiko viel zu gross. Ich könnte damit zehnmal mehr verdienen – locker! Aber was passieren würde, kann man auf Netflix schauen.

In der Lieferkette hat jeder seine Rolle: Ich trage ein grosses Risiko, weil ich mit vielen Endkunden zu tun habe. Mein Kontakt trägt das finanzielle Risiko: Er ist auch in der Schweiz, macht von hier aus eine Bestellung und schiesst das Geld vor. Der Schmuggler wiederum riskiert seinen Arsch: Er bringt die Bestellung aus dem Ausland über die Grenze. Wenn sie ihn erwischen, sitzt er die Strafe ab – und mein Kontakt verliert sein Geld.

So wird das Risiko auf verschiedene Leute aufgeteilt. Das Ganze läuft hochprofessionell ab. Alles, was ich einkaufe, kommt über Land in die Schweiz. Das meiste wird irgendwo eingebaut in eine gewöhnliche Lieferung. Bei Psychedelika ist das Risiko, erwischt zu werden, eher gering. Das Volumen dieser Substanzen ist klein, eine faustgrosse Menge Ketamin reicht mir als Vorrat für ein Jahr. Und der Markt ist ja insgesamt klein – was wir machen, ist peanuts, wenn du es mit dem Koksgeschäft vergleichst.

Mit der Zeit lernte ich verschiedene Mittelsleute kennen. Inzwischen bekomme ich Angebote. Wenn mich die Ware interessiert, sage ich zu. Die Übergabe findet immer persönlich statt. Ich schiesse nie Geld vor und nehme auch nie einen Kredit auf. Ich bekomme die Ware und zahle, so läuft das. Am wichtigsten ist, dass du aufpasst, mit wem zu zusammenarbeitest. Ich bin extrem wählerisch. Es sind shady Welten, mit denen ich zu tun habe. Da laufen viele schwierige Gestalten herum. Aber man lernt es mit der Zeit.

In unserer Welt darfst du kein Selbstdarsteller sein. Du darfst das, was du tust, nicht an die grosse Glocke hängen. Und du darfst selber nicht zu viel konsumieren. Wir arbeiten in einem Null-Fehler-Business. Da kannst du niemanden gebrauchen, der sein Leben nicht im Griff hat. Darum ist es wichtig, dass du die Leute, mit denen du zusammenarbeitest, gut kennst. Ich suche mir gutmütige Geschäftspartner aus.

Bei Psychedelika muss man sich keine Kriminellen wie im Film vorstellen, das gilt auch für die Produzenten. Das sind keine Gangster-Helden, sondern Idealisten mit ihren kleinen Produktionen irgendwo in Osteuropa. Und klar: Sie verdienen Geld damit. Aber reich wirst du mit Psychedelika nicht. Mit Partydrogen wie MDMA, Ecstasy-Pillen und Ketamin machst du aber inzwischen schon ein richtig gutes Geschäft.

LSD zu synthetisieren ist hochkomplex. Dazu brauchst du ein high-tech-Labor – und auch damit ist es schwierig. Es reicht nicht, einen Chemie-Master zu haben, das können nur ganz wenige. Mein LSD kommt zu 100 Prozent aus der Schweiz. In diese Kreise habe ich keinen Einblick, sie sind sehr diskret. Aber ich weiss, dass das so Normalos sind. Die machen das an Orten, wo du es am wenigsten erwartest, so ein Labor kannst du dir überall einrichten. Schwierig ist es, an die Ausgangsstoffe zu gelangen. Das ist eine Kunst für sich. Bei LSD kommen die aus einem asiatischen Land. Da reist dann jemand hin und macht mit einem Hersteller ab, dass er die Substanz falsch labelt und regelmässig per Post schickt. Ist so ein Lieferweg einmal etabliert, läuft der ewig weiter. Das Risiko für alle Beteiligten liegt praktisch bei Null.

Die LSD-Produktion in der Schweiz ist historisch geprägt, die gibt es schon seit dem Anfang. Wir gehören weltweit neben zwei, drei anderen Ländern zu den Hauptproduzenten von LSD – und exportieren es als einzige Substanz auch ins Ausland.

Meine Pilze kommen auch aus der Schweiz. Ganz selten sammelt jemand eine grössere Menge auf einer Alpwiese und ich kann sie kaufen, aber das passiert so gut wie nie. Meist sind es Indoor-Produktionen. Die werden hier gezogen, weil sie ziemlich voluminös und schwer über die Grenze zu schmuggeln sind. Das sind oft private Enthusiasten, die kaum etwas daran verdienen. Die Produktion ist zu teuer, um damit wirklich Geld zu machen.

Mein MDMA kommt mehrheitlich aus zwei westeuropäischen Ländern oder aus Osteuropa. Interessant ist, dass die besten batches bei uns in der Schweiz landen. Das haben wir unseren staatlichen Drogenteststellen zu verdanken. Ich als Dealer habe dank den Drug-Checking-Angeboten die Möglichkeit, die Substanz zu testen. So kann ich kontrollieren, ob ich das bekomme, was mir verkauft wurde. Das baut innerhalb der Lieferkette Druck auf. Ich verlange zum Beispiel immer einen schriftlichen Beleg über den Reinheitsgrad. Wenn der bei der Übergabe nicht vorliegt, kaufe ich nichts. Wenn ich merke, dass der Stoff gestreckt war, beschwere ich mich. Dann reklamiert der Importeur beim Produzenten und nächstes Mal schickt er uns besseres Material, sonst gehe ich zu einem anderen.

Ich gehe regelmässig bei einer Drug-Checking-Stelle vorbei und teste alle Substanzen, die ich einkaufe. Sie fragen mich immer, ob noch andere Menschen davon profitieren, wenn ich hier meine Pillen testen lasse. Ich kann natürlich nicht die Wahrheit sagen und sage immer: «Ein paar Freunde.»

Ich glaube, die Wirkung des Drug-Checkings wird darum massiv unterschätzt. Weil wir Dealer dort unsere Substanzen testen können, profitieren davon viel mehr Leute, als in den Statistiken auftauchen. MDMA hat in der Schweiz im Schnitt einen Reinheitsgrad von über 90 Prozent. So reines MDMA bekommst du in Europa sonst nirgends.

Ich verkaufe auch sehr viele aussergewöhnliche Psychedelika wie DMT, MDA, 4-HO-MET oder 25B-MBOMe. Das konsumiert natürlich kaum einer und damit verdiene ich auch kein Geld, das rechnet sich nicht. Spannend wird es finanziell dann, wenn eine kritische Masse anfängt, sich für eine Substanz zu interessieren. Das ist bei 2-CB bereits passiert und bei MDA passiert es gerade. MDA ist wie MDMA für Erwachsene, sage ich immer. Plötzlich verkauft es sich besser als anderes, plötzlich entsteht ein Markt. Das finde ich spannend.

Diese aussergewöhnlichen Substanzen sind für mich leider unmöglich zu testen. Jede Substanz hat ein eigenes Testverfahren, daher wäre das Testen aller Substanzen viel zu teuer. Beim Drug-Checking können sie mir nur die Art bestätigen, aber nicht die Qualität.

Aufgrund der Rückmeldungen meiner Kunden kann ich die Qualität mit der Zeit aber recht gut einschätzen. Erfahrene Konsumenten kennen sich sehr gut aus. Die merken sofort, wenn die Qualität nicht stimmt. Bei seltenen Substanzen setze ich darum gerne auf standardisierte Lieferbeziehungen. Weil die Nachfrage so klein ist, haben die Produzenten diese Substanzen ja ewig auf Lager – so kann ich mit der Zeit eine gewisse Qualität sicherstellen.

Die Erfahrung meiner Kunden ist für mich immer sehr wertvoll. Bei MDMA ist es interessant: Derzeit habe ich einen batch, den habe ich getestet. Er ist mit 94 Prozent extrem rein. Aber mehrere erfahrene Kunden, denen ich vertraue, sind zurückgekommen und haben sich beschwert, dass die Wirkung unangenehm sei. Wenn das mehrere Leute zurückmelden, wird es stimmen. Trotzdem kann mir kein Drug-Checking erklären, warum das so ist. Es gibt also Qualitätsfaktoren, die wir noch nicht messen können. Und natürlich gibt es keinerlei Forschung dazu. Das ist schade.

Ecstasy-Pillen sind für mich das grosse Geschäft. Damit verdienen wir alle Geld. Das sind standardisierte Produktionen in Osteuropa. Hier ist die Gefahr der Verunreinigung am grössten, darum gehe ich wirklich jede Lieferung rigoros testen. Vor zwei Jahren starb ein 13-jähriges Mädchen an einer überdosierten, weit verbreiteten blauen Ecstasy-Pille. Die hatte ich auch im Sortiment. Natürlich hatte ich sie getestet, aber bei Ecstasy sind die Mengen so gross, dass in einer Lieferung manchmal mehrere batches enthalten sind. Die Dosierung kann also innerhalb einer Lieferung unterschiedlich sein. Ich teste darum mittlerweile immer mehrere Pillen, um eine bessere Stichprobe zu haben. Und wenn ich ein Qualitätsproblem bemerke, versuche ich die Ware immer zurückzugeben. Meine Beziehungen zum Lieferanten sind so gut, dass ich sie manchmal zu einem reduzierten Preis zurückgeben kann und er sie anderswo loswird. Das ist es mir wert – ich möchte, dass ich meine Kunden auf die Qualität verlassen können.

Mein Ketamin kommt aus Osteuropa. Das Ketamin für den Schwarzmarkt wird separat produziert, es wird nicht aus der medizinischen Produktion abgezwackt. Es ist auch anderes Ketamin als das der Spitäler. Beim illegalen Ketamin fehlt ein chemischer Zwischenschritt, den der Produzent nicht macht.

Für meine Kunden ist Ketamin die risikoreichste Substanz, die ich verkaufe. Da gibt es ein gewisses Abhängigkeitspotenzial. Es passiert vielleicht so einmal pro Jahr, dass es plötzlich jemand übertreibt. Dann spreche ich die Person darauf an, bremse, verkaufe ihr weniger aufs Mal. Bei allen anderen Substanzen, die ich verkaufe, passiert das nicht. Psychedelika willst du nicht oft nehmen, das macht keiner.

Innerhalb der Lieferkette ist meine Marge die grösste. Da ich mit vielen Endkunden zu tun habe, betreibe ich ja den meisten Aufwand. Ich gehöre eher zu den teuren Dealern. Bei mir kaufen Leute ein, die Qualität möchten und bereit sind, dafür einen fairen Preis zu zahlen. Zu meinem Kundenstamm gehören Leute aus der ganzen Schweiz. Sie haben einen Job, ein normales Leben und konsumieren ab und zu. Viele sind zwischen 30 und 50 Jahre alt, gehören zur Mittelschicht und haben ein gewisses Bildungsniveau. Trotzdem sind es sehr unterschiedliche Leute. Es ist eine Szene, aber sie gruppiert sich nicht um einen gewissen Lebensstil, sondern um das Erlebnis. Darum ist es für die Polizei ja so schwer zu fassen. Sie können nicht irgendwo hingehen und dort finden sie, was sie suchen. Diese Leute sind überall.

Neukunden kommen immer auf Empfehlung bestehender Kunden. Sie nehmen Kontakt mit mir auf und ich teile ihnen mit, wann sie vorbeikommen dürfen. Ich achte rigoros auf eine sichere Kommunikation und weiss genau, wo welche Daten gespeichert werden. Inzwischen gibt es digitale Kanäle, die wirklich sehr sicher sind. Ich drille die Leute, da habe ich eine Null-Toleranz. Mit mir darf niemand ungesichert über Drogen sprechen. Auch Freunde nicht. Das macht keiner, Punkt. Wenn mir ein Neukunde auf Whatsapp schreibt, lade ich die Person ein und mache ihr die Hölle heiss. Über wen bist du zu mir gekommen? Woher hast du meine Nummer und was hat dir diese Person gesagt? Die Leute kuschen immer sofort. Ich bin ja ein Drogendealer – uh! – da hast du natürlich eine gewisse Autorität.

Meine Kunden habe ich alle mindestens einmal gesehen. Um bei mir einzukaufen, musst du ein geregeltes Leben haben. Das garantiert eine gewisse Stabilität. Mit den Neuen rede ich immer ein bisschen, finde heraus, wie sie konsumieren, was ihr Habitus ist.

Die Vorstellung, dass ich davon profitiere, die Leute süchtig zu machen, ist kreuzfalsch. Süchtige sind für mich das grösste Risiko, mit solchen Leuten bekommst du als Dealer nur Probleme. Mein Grundsatz ist: Bei mir wird keiner süchtig. Und das ist auch so. Davon bin ich überzeugt.

Trotzdem habe ich manchmal Leute bei mir, die süchtig sind. Das sind Neukunden, die mit ihrem Problem bei mir auftauchen. Das merke ich natürlich sofort und bin radikal ehrlich: Ich spreche sie darauf an, sage ihnen, dass das bei mir nicht geht. Die meisten verschwinden wieder, weil ihnen das zu anstrengend ist. Manchmal schaffe ich es, einen Draht zu ihnen aufzubauen. Je nach Situation biete ich ihnen gelegentlich an, bei mir gewisse Substanzen gratis beziehen zu können. Mir ist es lieber, sie regelmässig zu sehen und ihnen Dinge zu geben, die weniger problematisch sind, als das, was sie sonst konsumieren würden. Für solche Menschen sind es lange Prozesse, wieder zu einem unschädlichen Konsum zurückzufinden. Wenn so ein Gratis-Bezüger irgendwann nicht mehr auftaucht, weiss ich, dass es wohl ganz schlimm geworden ist. Das ist hart.

Junge Leute kommen selten zu mir. Vermutlich bin ich ihnen zu teuer. Die einzigen Jungen, die ich habe, sind die Kinder meiner Kunden. Die schicken ihre Kids zu mir, weil sie wissen, dass ich ihnen nicht alles gebe und dass sie mit mir ein Gespräch führen müssen. Ausserdem verlieren sie so nicht den Zugriff auf sie. Sie können mich fragen, wie oft und was ich ihnen verkauft habe. Der Konsum der Jungen funktioniert aber anders als bei den Erwachsenen. Das ist nicht meine Welt. Für die wenigen Kids, die zu mir kommen, ist es wohl nicht allzu schlecht. Immerhin geraten Sie an jemanden mit einer klaren Meinung zum Konsum. Trotzdem sehe ich auch die, die irgendwann beim Koks landen. That’s life.

Wer mich einmal persönlich kennengelernt hat, darf per Post bestellen. Ich mache regelmässig meine Versände. Die meisten meiner Kunden haben festgefahrene Konsummuster. Die wissen ganz genau, was sie wollen – und es soll immer genau gleich sein.

Die wenigsten reflektieren ihren Konsum im Laufe der Zeit und aktualisieren ihn. Höchstens 20 Prozent meiner Kunden sind neugierig und probieren neue Sachen aus. Dabei habe ich die Neugierigen am liebsten. Das sind Menschen mit offenem Geist und offenen Sinnen.

Während meiner Öffnungszeiten herrscht immer reges Kommen und Gehen. Alle paar Minuten klingelt jemand an der Tür. Wir sitzen in der Küche, ich wäge die Substanzen ab, wir fachsimpeln und tauschen uns aus. Die allermeisten sind Neulinge, einige kommen aber auch, um sich über eine Substanz zu informieren, die sie ausprobieren möchten. Unübliche Substanzen zu besorgen ist sehr schwierig, darum schätzen viele Leute, dass sie bei mir fast alles Psychedelische kaufen können. Dieses Ausprobieren kann ein recht aufwändiges Hobby sein. Bei gewissen Substanzen peakst du nach 10 Stunden. Das machst du nicht einfach so zwischendurch, wenn du am Montag wieder ins Büro musst. Ich glaube, viele Leute haben diese seltenen Sachen aber eher aus Prestige zu Hause. Die nehmen das gar nie, aber zeigen damit ihren Freunden, dass sie Profis sind.

Ich bin definitiv eine Ausnahmeerscheinung unter den Dealern. Die meisten Dealer haben eine Halbwertszeit von drei bis vier Jahren. Die wenigsten machen das länger. Oft sind es Leute mit Suchtproblemen, die kurzzeitig ihren Konsum finanzieren müssen. Das geht meist schief oder sie hören auf, wenn sie merken, wie aufwändig es ist, Standards zu gewährleisten. Man hat mit vielen Endkunden zu tun – auch mit sehr anstrengenden Leuten.

Ich bin seit zwanzig Jahren im Geschäft und habe grosses Interesse an einer bestimmten Art des Konsums. Ich merkte schon früh, dass ich für andere Bewusstseinszustände zugänglicher bin als andere Menschen. Mit dem Begriff «Spiritualität» konnte ich aber nie etwas anfangen. Was sagt das schon aus? «Religion» gefällt mir besser. «religio» bedeutet «wiederverbunden». Es sind teils religiöse Erlebnisse, die wir dank Substanzen erleben. Der Begriff ist stark besetzt. Aber ich verwende ihn gern, weil dadurch etwas an einem Ort passiert, das dort nicht passieren dürfte. Religion und Substanzen – buh!

In unserer westlichen Gesellschaft sind Menschen marginalisiert, die mit alternativen Bewusstseinszuständen gut umgehen können. In anderen Kulturen wird dieses Talent gefördert. Man denke nur an die Schamanen in indigenen Kulturen. Bei uns sind solche Menschen Süchtige – oder Dealer. Mein Leben wird also gesellschaftlich zum Prekariat erklärt.

Ich lebe sehr speziell. Ein Teil meines Lebens ist ganz normal. Ich habe einen Alltag, treffe Freunde, habe Hobbys und lebe in einer Beziehung. Aber der andere Teil meines Lebens wird von der Gesellschaft nicht anerkannt. Das bewirkt, dass ich ein Lügenkonstrukt um mein Leben herum bauen muss.

Als Dealer brauchst du ein gutes Storytelling. Etwa einen Drittel meines Einkommens versteuere ich. Dafür habe ich eine stringente Erklärung, die mir die Behörden glauben. Ich jobbe immer wieder nebenbei, oder nehme strategisch Jobs an, die mich vom Radar nehmen. Es macht sich zum Beispiel gut, eine Weile für eine berühmte Firma zu arbeiten.

Einen Verdacht gegen mich hat es in den zwanzig Jahren nie gegeben. Ich lebe sehr zurückgezogen. Weil ich meinen Lebensunterhalt mit etwas verdiene, das zwar viele tun, die Gesellschaft aber marginalisiert, kann ich nicht frei sein. Ich kann nicht darüber sprechen, was ich mache. Nie. Und das schliesst mich aus einem Teil des gesellschaftlichen Lebens aus. Ich kann mich beispielsweise nicht politisch für die Legalisierung von Substanzen engagieren. Als Dealer bin ich gewissermassen mundtot.

Man könnte damit ja auch anders umgehen und auf meine Expertise zurückgreifen. Ich kenne mich mit Substanzen und Konsummustern sehr viel besser aus als 99 Prozent aller Menschen. Nur will das niemand hören. Stattdessen tauchen überall irgendwelche Experten auf, die uns sagen, wie wir konsumieren sollen. Die meisten von ihnen haben aber überhaupt keine Ahnung davon. Ich habe sehr genaue Vorstellungen davon, wie man ohne Schaden konsumieren kann. Und die allermeisten Leute, die bei mir einkaufen, wissen das ebenfalls sehr genau. Man kann lernen, unschädlich zu konsumieren.

Ich arbeite mit einem Pensum von etwa 50 Prozent. Einen Peak gibt es immer im Sommer vor der Festivalzeit. Ich verdiene gut, weil ich gewissenhaft arbeite und verlässliche Stammkunden habe. Ein gutes Leben zu führen, war mir immer wichtig. Mein Abschluss an einer Eliteuniversität hat mir den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht. Ich bin also nicht aufs Dealen angewiesen. Da mein Lebensstil bescheiden ist, könnte ich ihn problemlos mit klassischer Lohnarbeit finanzieren. Es ist ein bewusster Entscheid, so zu leben wie ich lebe. Dank meiner Tätigkeit kann ich immer wieder lange Reisen unternehmen. Ich schreibe meinen Kunden, dass ich für einige Zeit weg bin, verschicke letzte Bestellungen, um ihre Vorräte aufzufüllen, und erkunde monatelang die Welt.

Angst habe ich nicht. Ich lebe vorsichtig, aber ohne Angst. Meine Beziehung hat mich schon mit diesem Beruf kennengelernt. Ich habe ihr recht früh gesagt, was ich mache und sie kann damit umgehen. Sie sieht, dass ich die Dinge für den Fall der Fälle geregelt sind. Wenn sie mich erwischen, müsste ich wohl sitzen. Vielleicht auf Bewährung, wer weiss. Ich habe meinen Frieden damit gemacht, vielleicht irgendwann einige Zeit im Gefängnis zu verbringen. Dann werde ich Zeit haben zu Lesen und vielleicht schreibe ich ein Buch über mein Leben. Für mich ist das in Ordnung. Ich bin ein Improvisator, ich kann mich anpassen.

Und natürlich habe ich auch ein gutes Storytelling für den Fall, dass sie eines Tages vor der Türe stehen.

Wie sie mich erwischen könnten? Die grösste Gefahr sind affiliate peers. Also Leute, die schlecht arbeiten und die an meinen Kontakt kommen. Die Zwischenhändler sind darum wichtige Puffer für mich. Die Polizei ist ja nicht primär hinter Leuten wie mir her, sondern hat es auf diese Zwischenhändler abgesehen.

Sowieso kann man sich fragen, wie legitim es ist, einen riesigen Aufwand zu betreiben, um jemanden wie mich zu finden. Das ist eine politische Frage. Ich deale vor allem mit Psychedelika. Der Schaden, den ich damit anrichte, ist klein, wenn überhaupt. Wie gross darf also der Aufwand sein, den der Staat betreibt, um diesen kleinen Schaden zu beheben? Ein Koks-Dealer muss sich da andere Sorgen machen – zu Recht.

Bei meinen Substanzen geht es nicht um schädlichen Rausch. L’ivresse. Auf Französisch und Deutsch kommt das Wort «Rausch» ja aus der Welt des Alkohols. Damit ist schädliche Betäubung gemeint. Im Kontext von Psychedelika macht dieser Begriff überhaupt keinen Sinn. Bei Psychedelika geht es nicht um Betäubung – es ist eine andere Welt. Und mit dieser Welt kennen sich die Behörden nicht aus. Das ist mein Vorteil.

Ob ich für immer dealen werde, weiss ich nicht. Einmal ein Buch darüber zu schreiben, wäre schon ein Traum von mir. Zu mir kommen interessante Menschen – das inspiriert mich. Eigentlich würde ich auch gerne meine Expertise noch stärker teilen. Vielleicht erleben wir es ja, dass diese Substanzen legal werden und ich mich sinnvoll einbringen kann.

Bis heute denke ich immer wieder an die Begegnung mit dem Grasdealer zurück, als ich 15 Jahre alt war. Das war ein magischer Moment und ich bin ihm bis heute dankbar dafür, dass er damals etwas in mir gesehen hat. Dass ich dank ihm mit Dealen angefangen habe, hat mir so viel Freiheit ermöglicht. Ohne diese Begegnung wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Ich wäre nie so viel gereist, hätte nie so ausgiebig die Welt gesehen. Und ich hätte niemals so viel Zeit damit verbringen können, mich mit den grossen Fragen des Lebens zu beschäftigen.

Text: Elle
Bild: KI-generiert von Levin

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Tobias

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Rechtsanwalt und Wissenschaftler

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Eine Veranstaltungsreihe von substanzielles.ch, der Photobastei und der Gesellschaft zur Erweiterung des Bewusstseins. Jeden letzten Mittwoch im Monat in Zürich.

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