Jobcoach, Kriens (LU)
Ich bin in einer ländlichen Umgebung aufgewachsen. In meiner Jugend trank ich viel Alkohol. Wir haben früh angefangen, schon mit 14 oder 15 Jahren. Pesca Frizz war damals sehr in Mode. Was ist das eigentlich für ein Getränk? Wein?! Keine Ahnung. Auf jeden Fall haben wir damals viel getrunken – so zwischen 20 und 25 gaben wir Vollgas. Wir waren in den Bars und Clubs der Agglo unterwegs. In unserer Gruppe haben meine männlichen Freunde oft gekifft. Mir aber hat das nie Spass gemacht, mir wurde schon nach dem ersten Zug schlecht.
An meinem 30. Geburtstag nahm ich das erste Mal MDMA. Ich war in Australien und der Barkeeper organisierte uns etwas. Wir hatten keine Ahnung von der Dosierung und wir nahmen einfach das, was er uns gab. Es war ganz komisch… Ich war unsicher, ob ich überhaupt etwas gespürt habe. Wir hatten doch so viel von MDMA gehört! Das konnte es doch nicht gewesen sein. Ich war enttäuscht.
Zurück in der Schweiz haben wir es in einem Club nochmals probiert. Schnell merkte ich, wie mich das Glücksgefühl durchströmte. Meine Freundin und ich tanzten und tanzten. Wir umarmten uns und vergassen alles um uns herum. So fühlte es sich also an! Im Rausch selbst hatte ich oft das Verlangen nach mehr. Sobald es nur kleine Anzeichen des Abklingens gab, musste ich das Glücksgefühl gleich wieder steigern und nachspicken. Oder mit einem Cüpli das Glücksgefühl nochmals hochkommen lassen. Später erzählte mir ein Chemiker-Freund, dass MDMA eigentlich nicht süchtig macht. Ich war ziemlich überrascht, als ich das hörte.
Darauf folgten einige Monate mit viel Konsum. Wir tranken viel Alkohol und mischten das mit MDMA. Wir haben uns manchmal echt voll drüber verhalten. Um das etwas auszugleichen, nahmen wir Kokain.
Diese Zeit hat mir nicht gutgetan. Ich hatte nach dem High immer einen starken Downer. Ich erinnere mich an diesen einen Moment: Es war ein paar Tage nach der Streetparade, wo ich MDMA konsumiert hatte. Ich spürte, wie mein Seretoninfass leer war. Ich fühlte mich traurig und musste mich von der Arbeit krankmelden.
Nach einem halben Jahr musste ich die Reissleine ziehen. Dann war vorerst Schluss mit dem Konsum von MDMA und Koks. Was blieb, war der Alkohol.
Meine Mutter ist alkoholabhängig seit ich denken kann. Ich musste mich viel um sie kümmern. Selbst als mein Vater mir mit 21 nahelegte, auszuziehen, damit ich mich aus dieser Situation befreien konnte, ging ich sie jeden Tag besuchen. Wenn ich heute Rotwein rieche, kommen sofort Erinnerungen von früher hoch. Der Geruch triggert mich. Mir hat zwar nie jemand gesagt, dass ich ein problematisches Verhältnis zu Alkohol habe, aber ich war im Ausgang schon eine sehr starke Rauschtrinkerin. Ich glaube mein Trinkverhalten war nie aussergewöhnlich, alle haben so viel getrunken. Alkohol ist halt allgegenwärtig. Unter der Woche habe ich nie getrunken, immer nur am Wochenende – aber dann halt viel.
Ich bin ein Mensch, der stabile Strukturen und viel Sicherheit braucht. Ich würde mich als sehr fleissig bezeichnen. Das ist stark von meiner Erziehung geprägt: Wenn ich viel leiste, bekomme ich dafür Anerkennung. Als mein Vater mit Krebs diagnostiziert wurde und er mit Exit von dieser Welt ging, geschah etwas in mir. Ich verliess meinen Job im Projektmanagement bei einer Versicherung und kündigte ins Blaue hinaus. Das passt eigentlich gar nicht zu mir, aber ich brauchte eine Veränderung. Ich nahm eine Auszeit und ging für ein paar Wochen nach Lateinamerika. Nach meiner Rückkehr habe ich bei einer Versicherung angefangen, bei der ich inzwischen als Jobcoach arbeite.
Bis dahin hatte ich Substanzen nie als Mittel zur Innenschau angesehen, aber nun wollte ich herausfinden, ob ich Psychedelika auch als Werkzeug nutzen konnte. Also meldete ich mich für ein Persönlichkeitsentwicklungs-Retreat in Amsterdam an. Das war professionell organisiert: Vor dem Retreat gab es ein Vorgespräch, bei dem mir ein Psychologe Fragen stellte, um meine körperliche und geistige Verfassung einzuschätzen.
Beim Retreat waren wir 12 Teilnehmende und sechs Betreuungspersonen. Wir erhielten eine hochdosierte Dosis Psilocybin, bekamen Augenbinden und legten uns auf unsere Matten. Schon bald ging in mir eine schwarze, tiefe Welt auf. Am Abgrund sah ich eine Treppe hinunterführen. Ich dachte so: Fuck! Nein, nein, nein! Mir wurde übel und mein ganzer Körper schmerzte. Zwei Betreuerinnen haben sich dann um mich gekümmert und halfen mir mit Atemübungen.
Ich beruhigte mich und ich spürte Emotionen, die ich in dieser Intensität noch nie gespürt habe. Ich spürte vor allem Wut. Ich merkte, wie diese Emotion in mir festsass und nun langsam einen Weg nach Draussen fand. Sie floss wie ein geschmolzener Eiswürfel durch meinen Körper und langsam aus ihm heraus. Das waren alles Emotionen, die ich als Kind verdrängt oder blockiert hatte. Dabei klärten sich Fragen, die ich schon lange mit mir mitgetragen hatte. Es waren diffuse Fragen, auf die ich nun klare Antworten geben konnte.
Irgendwann konnte ich aktiv Fragen an den «Pilzgeist» stellen. Ich fragte, warum ich immer so viel Alkohol trinke. Da kam ein intensives Gefühl von Geborgenheit auf. In dem Moment wurde mir klar, dass mir die Substanz sagt: «Hey du trinkst Alkohol, um dir Geborgenheit zu geben. Eine Geborgenheit, die du früher nicht bekommen hast.» Ich so: Fuck, es ist Geborgenheit!
Das war ein Schlüsselmoment. Seit dieser Einsicht trinke ich viel weniger. Ich weiss nicht, wo ich heute wäre, wenn ich dieses Erlebnis nicht gehabt hätte. Ich glaube ich bin immer noch anfällig auf Süchte, aber ich kann heute viel besser sagen «Hey, jetzt ist genug!». Vielleicht liegt es aber einfach auch daran, dass ich langsam älter werde.
Vor ein paar Monaten nahm ich an einer doppelblinden Studie einer Uniklink teil. Die Fragestellung war, ob Psilocybin das prosoziale Verhalten verändert. Man bekam entweder MDMA, Psilocybin oder ein Aktiv-Placebo.
Ich wurde von zwei Psychologinnen begleitet. Ich nahm die Substanz ein. Dann kam ein wohlig warmes Gefühl im Bauch auf und da wusste ich: MDMA!
Jede Stunde musste ich einen Fragenbogen ausfüllen. Es waren einfache Fragen wie: Bist du glücklich? Ja oder Nein. Insgesamt war es ein schönes Erlebnis. Doch als nach drei Stunden die Wirkung nachliess, merkte ich, dass ich am liebsten noch etwas nachgespickt hätte.
Dieser Substanz traue ich auch heute noch nicht richtig über den Weg, auch wenn man sagt, dass sie nicht abhängig mache. Ich habe immer noch ziemlichen Respekt vor dem Downer nach hochdosiertem MDMA. Andererseits liegt ein Rest MDMA seit vielen Monaten bei mir herum und interessiert mich nicht.
Hochdosiert habe ich Psychedelika eigentlich nur drei Mal genommen: Zweimal Psilocybin, einmal LSD. Alle Erfahrungen haben mich auf irgendeine Weise geheilt. Ich merke, wie ich Gefühle fertig fühlen kann, die ich sonst im Alltag abschneide oder blockiere. Ich kann sie richtiggehend bearbeiten. Psychedelika sind einfach riesige Werkzeuge. Und im Gegensatz zu den anderen Substanzen habe ich kein Reissen nach mehr. Ich kann mir nicht vorstellen, davon abhängig zu werden.
LSD und Psilocybin microdose ich manchmal, wenn ich starke Schmerzen aufgrund meiner Tage habe. Ich nehme lieber etwas Zaubertrüffel anstelle von Schmerzmitteln.
Microdosing hilft mir auch bei meiner Coaching-Tätigkeit. Als People-Pleaserin wollte ich immer möglichst viel Leistung gegenüber dem Kunden zeigen und versuchte dabei, möglichst keine Fehler zu machen.
Wenn ich vor einem Treffen mit einem Kunden microdose, nehme ich Tempo aus dem Gespräch und reagiere intuitiver auf mein Gegenüber. Ich lasse Pausen zur Reflexion zu. So kann ich eine gesunde Haltung im Coaching erreichen: Ich biete Hilfestellungen an – die eigentliche Arbeit muss der Kunde aber selber machen.
Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Und diese Erfahrungen nehme ich dann mit in den Alltag ohne Microdosing. Was mir auf eine ähnliche Weise hilft, ist Impro-Theater. Da lerne ich auf Situationen spontan einzugehen und einfach auch Fehler zu machen.
Eine Veranstaltungsreihe von substanzielles.ch, der Photobastei und der Gesellschaft zur Erweiterung des Bewusstseins. Jeden letzten Mittwoch im Monat in Zürich.